Flugangst-Blog: Wissen, Tipps & Antworten vom Piloten
Die Blackbox im Flugzeug ist nicht schwarz, sondern leuchtend orange. Gemeint sind damit die besonders geschützten Flugschreiber: Der Flight Data Recorder (FDR) zeichnet technische Flugdaten auf, der Cockpit Voice Recorder (CVR) das akustische Geschehen im Cockpit. Nach einem Unfall können ihre Aufzeichnungen entscheidend dabei helfen, den tatsächlichen Ablauf zu rekonstruieren.
Schon der Begriff „Blackbox“ führt also ein wenig in die Irre. Sie ist nicht schwarz – und es muss sich technisch auch nicht um eine einzige Box handeln.
Wenn nach einem Flugzeugunfall in den Nachrichten davon gesprochen wird, dass „die Blackbox gesucht“ oder „die Blackbox ausgewertet“ wird, sind damit die Flugschreiber des Flugzeugs gemeint.
Ihre Aufgabe ist eigentlich recht unspektakulär: Sie zeichnen auf.
Eine Blackbox steuert das Flugzeug nicht, sie greift nicht in den Flug ein und sie entscheidet auch nichts. Während des Flugbetriebs werden bestimmte Informationen kontinuierlich aufgezeichnet und in einem besonders geschützten Speicher abgelegt.
Dabei geht es vor allem um zwei verschiedene Arten von Informationen:
technische Flugdaten im Flight Data Recorder (FDR)
Stimmen und Geräusche aus dem Cockpit im Cockpit Voice Recorder (CVR)
Je nach Flugzeugtyp und technischer Ausführung können diese Funktionen in getrennten oder kombinierten Recordern untergebracht sein.
Aus meiner Sicht als Pilot ist mir diese Unterscheidung wichtig, weil der Begriff „Blackbox“ schnell etwas Mysteriöses bekommt. Tatsächlich handelt es sich zunächst einmal um technische Aufzeichnungssysteme, die während eines ganz normalen Fluges schlicht im Hintergrund arbeiten.
Eine Blackbox ist normalerweise leuchtend orange – und nicht schwarz.
Das hat einen sehr praktischen Grund.
Wenn nach einem schweren Unfall Wrackteile gesucht und untersucht werden müssen, soll der Flugschreiber möglichst schnell auffallen. Zwischen Metallteilen, Erde, Vegetation oder anderen Gegenständen wäre Schwarz dafür keine besonders hilfreiche Farbe.
Die auffällige Signalfarbe erleichtert das Wiederfinden.
Hier müssen wir zwischen den beiden wichtigsten Funktionen unterscheiden.
Der Flight Data Recorder, kurz FDR oder Flugdatenschreiber, zeichnet technische Informationen über den Flug und den Zustand des Flugzeugs auf.
Je nach Flugzeugtyp und System können sehr viele verschiedene Parameter gespeichert werden. Dazu gehören beispielsweise:
Flughöhe
Geschwindigkeit
Flugrichtung
Fluglage und Bewegungen des Flugzeugs
Triebwerkswerte
Steuerbefehle und Eingaben der Piloten
Stellung bestimmter Steuerflächen
Autopilot- und Systemzustände
Konfiguration des Flugzeugs
Damit lässt sich später sehr detailliert nachvollziehen, wie sich das Flugzeug zu einem bestimmten Zeitpunkt verhalten hat.
Vereinfacht gesagt beantwortet der Flight Data Recorder also die Frage: Was hat das Flugzeug gemacht?
Wenn sich beispielsweise Geschwindigkeit, Flughöhe oder Fluglage verändert haben, können Flugunfallermittler anhand der aufgezeichneten Daten feststellen, wann das passiert ist und welche anderen Parameter sich gleichzeitig verändert haben.
Der Cockpit Voice Recorder, kurz CVR, zeichnet das akustische Geschehen im Cockpit auf.
Der Name „Voice Recorder“ ist dabei fast ein bisschen zu eng gefasst. Es geht nicht nur um das, was die Piloten miteinander sagen.
Aufgezeichnet werden können unter anderem:
Gespräche innerhalb der Cockpitbesatzung
Funkverkehr mit der Flugsicherung
akustische Warnungen
Signaltöne
bestimmte Bedien- und Hintergrundgeräusche
Diese Geräusche können bei einer späteren Untersuchung wichtige zusätzliche Hinweise liefern. Man kann den Unterschied deshalb sehr einfach zusammenfassen:
Der Flight Data Recorder zeigt, was das Flugzeug gemacht hat. Der Cockpit Voice Recorder kann Hinweise darauf geben, was zu diesem Zeitpunkt im Cockpit passiert ist.
Besonders wertvoll wird es, wenn diese Informationen miteinander kombiniert werden.
Flugschreiber werden bei Verkehrsflugzeugen häufig im hinteren Bereich des Flugzeugs eingebaut.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Blackbox bei jedem Flugzeug an exakt derselben Stelle sitzt.
Der Grund für die Position ist auch nicht, dass die aufgezeichneten Daten dort entstehen. Informationen kommen aus unterschiedlichen Systemen des gesamten Flugzeugs zum Recorder.
Es geht vielmehr um Schutz.
Bei vielen Unfallabläufen hat der hintere Bereich eines Flugzeugs vergleichsweise gute Chancen, weniger stark beschädigt zu werden. Deshalb ist er für den Einbau eines besonders wichtigen und crashgeschützten Aufzeichnungssystems sinnvoll. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass grundsätzlich hinten im Flugzeug die sichersten Sitzplätze liegen, denn es gibt kein unsicheren Sitzplätze in einem Flugzeug!
Eine völlig berechtigte Frage.
Der Begriff Black Box kommt aus der Technik und ist deutlich älter als die heute üblichen leuchtend orangefarbenen Flugschreiber.
Eine „Black Box“ bezeichnet allgemein ein technisches System, bei dem für die jeweilige Betrachtung vor allem interessant ist, welche Informationen hineingehen und welches Ergebnis herauskommt – ohne dass man dafür zwingend jedes Detail im Inneren des Systems betrachten muss.
Auch für die Herkunft der Bezeichnung bei Flugschreibern gibt es unterschiedliche historische Erklärungen.
Was sich dagegen eindeutig sagen lässt:
Die heutige Bezeichnung „Blackbox“ beschreibt nicht ihre Farbe.
Der Begriff hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch einfach durchgesetzt.
Und aus praktischer Sicht ist Orange ohnehin wesentlich sinnvoller: Nach einem Unfall möchte niemand nach einem schwer auffindbaren schwarzen Gegenstand suchen.
Extrem robust!
Unzerstörbar ist sie aber nicht.
Diese Unterscheidung finde ich wichtig, weil bei der Blackbox häufig mit Superlativen gearbeitet wird.
Flugschreiber sind so konstruiert, dass insbesondere der Speicher mit den aufgezeichneten Daten außergewöhnlich hohen Belastungen standhalten kann.
Dazu gehören je nach vorgeschriebenem Prüfverfahren unter anderem Belastungen durch:
starken Aufprall
Quetschkräfte
extrem hohe Temperaturen und Feuer
Wasser
hohen Wasserdruck
Es gibt dabei nicht einfach „das eine Material“, aus dem jede Blackbox besteht. Entscheidend ist vielmehr der gesamte Aufbau des Recorders und vor allem der besonders geschützten Speichereinheit. Und etwas sollte man dabei nicht verwechseln:
Ein Flugschreiber muss nach einem Unfall nicht äußerlich unbeschädigt aussehen, um seine Aufgabe erfüllt zu haben. Auf Bildern geborgener Recorder sieht man teilweise deutliche Beschädigungen. Entscheidend ist also nicht, ob das Gehäuse hinterher noch schön aussieht. Entscheidend ist:
Sind die gespeicherten Informationen erhalten geblieben und können sie noch ausgelesen werden?
Das ist der eigentliche Zweck des Schutzes.
An Land hilft ihre auffällige Farbe. Unter Wasser wird die Suche natürlich wesentlich komplizierter.
Deshalb befindet sich an Flugschreibern ein sogenannter Underwater Locator Beacon, kurz ULB. Häufig hörst du dafür auch den Begriff Pinger.
Kommt dieser Ortungssender mit Wasser in Kontakt, beginnt er, ein akustisches Signal abzugeben.
Dieses Signal kann mit spezieller Suchtechnik unter Wasser geortet werden. Dadurch lässt sich der Bereich eingrenzen, in dem sich der Recorder befinden könnte.
Hier gibt es allerdings ein Missverständnis, das mir immer wieder begegnet: Der Pinger sendet nicht die gespeicherten Daten der Blackbox. Er ist ein Ortungssystem. Sehr vereinfacht gesagt funkt er also nicht: „Hier sind meine Flugdaten.“ Sondern: „Hier bin ich.“
Die eigentlichen Aufzeichnungen werden erst nach der Bergung des Flugschreibers ausgelesen.
Gerade wenn ein Flugzeug über tiefem Wasser verunglückt, kann das Auffinden des Recorders eine enorme technische Herausforderung sein.
Diese Frage liegt heute natürlich nahe.
Unser Smartphone kann Daten praktisch überall übertragen. Flugzeuge stehen ebenfalls mit Bodenstellen in Verbindung. Warum muss man nach einem Unfall dann überhaupt noch einen Flugschreiber suchen?
Weil die Sache technisch deutlich komplizierter ist.
Ein modernes Verkehrsflugzeug erzeugt eine enorme Menge an Informationen. Eine permanente weltweite Übertragung sämtlicher relevanter Recorder-Daten müsste entsprechend zuverlässig, sicher und mit ausreichender Bandbreite funktionieren. Und zwar nicht nur während eines normalen Fluges.
Gerade in einer außergewöhnlichen Situation müsste die Datenübertragung auch dann noch sichergestellt sein, wenn möglicherweise bereits Systeme, Stromversorgung oder Kommunikationswege beeinträchtigt sind.
Das bedeutet nicht, dass moderne Flugzeuge keine Informationen an Bodenstellen oder Betreiber übertragen – natürlich tun sie das auf verschiedenen Wegen. Die Aufgabe eines crashgeschützten Flugschreibers ist aber eine andere:
Die entscheidenden Aufzeichnungen sollen direkt im Flugzeug so gespeichert werden, dass sie auch extreme Bedingungen möglichst überstehen.
Deshalb hat die Blackbox auch heute noch ihre Berechtigung.
Eine Blackbox verhindert keinen Unfall.
Ihre Bedeutung zeigt sich vor allem danach.
Wenn etwas Schwerwiegendes passiert ist, wollen Unfalluntersucher möglichst genau verstehen:
Was ist passiert? Wie ist es passiert? Und welche Faktoren haben dazu beigetragen?
Die Flugschreiber sind dabei natürlich nicht die einzigen Informationsquellen.
Bei einer Untersuchung können beispielsweise auch eine Rolle spielen:
technische Komponenten und Wrackteile
Radar- und Flugsicherungsdaten
Wetterinformationen
Wartungsunterlagen
Funkverkehr
betriebliche Abläufe
weitere Aufzeichnungen und Untersuchungsergebnisse
FDR und CVR liefern zusätzliche Puzzleteile, die sich mit diesen Informationen zusammensetzen lassen.
Und genau hier liegt für mich ein wichtiger Punkt, wenn wir über die Sicherheit der Luftfahrt sprechen:
Fliegen ist nicht deshalb sicher, weil niemals Fehler, Störungen oder Unfälle vorkommen. Ein wichtiger Teil der Sicherheit entsteht dadurch, dass außergewöhnliche Ereignisse sehr gründlich untersucht werden und die Luftfahrt daraus lernt.
Aus einer Untersuchung können technische Veränderungen hervorgehen. Es können aber ebenso Verfahren, Checklisten, Trainingsinhalte oder Vorschriften angepasst werden.
Was bei einem einzelnen Ereignis gelernt wird, kann dadurch später für unzählige andere Flüge relevant werden.
Das ist ein Teil der Luftfahrt, den Passagiere im normalen Alltag kaum wahrnehmen – der aber wesentlich dazu beiträgt, dass Sicherheit kein statischer Zustand ist, sondern ständig weiterentwickelt wird.
Wenn dich solche technischen Sicherheitsfragen beschäftigen, findest du bei mir weitere Erklärungen aus Piloten- und Flugangstsicht. Schau dich einfach hier um und folge den Links.
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Ich bin Mathias Gnida - auf Social Media bekannt als "Flugangstcoach Mathias" - ausgebildeter Pilot und Flugangstcoach. Im Gegensatz zu den meisten "Coaches gegen Flugangst" da draußen...
...bin ich seit über 15 Jahren Flugangstcoach und habe bereits tausenden Menschen aus der Flugangst und zurück ins Flugzeug geholfen
...bin ich mehrfacher Fachbuchautor im Thema Flugangst, z.B. "30 Minuten gegen Flugangst", erschienen im Gabal Verlag, "Ohne Angst Fliegen", erschienen im Motorbuch Verlag oder "Was passiert beim Fliegen? 100 Fragen - 100 Antworten für Passagiere", erschienen im Motorbuch Verlag, einem Imprint der Paul Pietsch Verlage
...habe ich über 30 Jahre Erfahrung in der kommerziellen Luftfahrt
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