Flugangst-Blog: Wissen, Tipps & Antworten vom Piloten

Triebwerksausfall beim Start: Kann ein Flugzeug mit einem Triebwerk weiterfliegen?

Triebwerksausfall beim Start: Kann ein Flugzeug mit einem Triebwerk weiterfliegen?

Ja. Ein zweistrahliges Verkehrsflugzeug kann nach dem Ausfall eines Triebwerks mit dem verbleibenden Triebwerk weiterfliegen und sicher landen. Passiert der Triebwerksausfall während des Starts, ist vor allem entscheidend, zu welchem Zeitpunkt er auftritt: Wird der Ausfall rechtzeitig vor der sogenannten Entscheidungsgeschwindigkeit (V1) erkannt, kann der Start abgebrochen werden. Ab V1 wird der Start in einem solchen Fall fortgesetzt.

Gerade für Menschen mit Flugangst klingt das zunächst erstaunlich. Die Triebwerke wirken schließlich wie etwas, ohne das ein Flugzeug überhaupt nicht in der Luft bleiben könnte. Fällt daher eines von zwei Triebwerken aus, liegt der Gedanke nahe: „Jetzt fehlt doch plötzlich die Hälfte der Leistung – wie soll das noch funktionieren?“

Genau darauf sind Verkehrsflugzeuge aber vorbereitet.

 

Was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt?

Bei einem zweistrahligen Verkehrsflugzeug steht nach einem Triebwerksausfall tatsächlich weniger Schub zur Verfügung. Das verbliebene Triebwerk wird also nicht plötzlich doppelt so stark. Auch ersetzt es das ausgefallene Triebwerk nicht einfach eins zu eins.

Das Flugzeug kann aber trotzdem weiterfliegen.

Dabei entsteht sogenannter asymmetrischer Schub: Auf einer Seite des Flugzeugs erzeugt das funktionierende Triebwerk weiterhin Schub und auf der anderen Seite fehlt dieser Schub.

Ohne Korrektur würde das Flugzeug dadurch zur Seite des ausgefallenen Triebwerks drehen wollen. Die Piloten gleichen diesen Effekt unter anderem mit dem Seitenruder aus und stabilisieren so den Flugweg.

Für jemanden, der im Passagiersitz sitzt, klingt das vielleicht nach einer extremen Ausnahmesituation.

Für Piloten ist ein Triebwerksausfall dagegen ein klar definiertes Szenario, für das es Verfahren gibt und das regelmäßig trainiert wird.

Der wichtige Punkt ist:

Ein einzelner Triebwerksausfall bedeutet bei einem zweistrahligen Verkehrsflugzeug nicht, dass das Flugzeug plötzlich nicht mehr fliegen kann.

 

Triebwerksausfall beim Start: Warum V1 so wichtig ist

Besonders häufig werde ich gefragt, was passiert, wenn ausgerechnet beim Start ein Triebwerk ausfällt.

Der Start ist schließlich die Phase, in der die Triebwerke für den Passagier besonders präsent sind: Hohe Leistung, starke Beschleunigung, viele Geräusche – und dann hebt das Flugzeug ab.

Was viele Passagiere nicht wissen:

Die Entscheidung darüber, was bei einem Triebwerksausfall während des Startlaufs passiert, wird nicht spontan getroffen.

Vor jedem Start werden Leistungsdaten berechnet. Dabei spielen unter anderem eine Rolle:

  • das aktuelle Gewicht des Flugzeugs

  • die Länge der Startbahn

  • die Außentemperatur

  • Windrichtung und Windstärke

  • die Höhe des Flughafens

  • der Zustand der Startbahn

  • mögliche Hindernisse im Abflugbereich

Aus den Berechnungen ergeben sich verschiedene Geschwindigkeiten für den Start.

Eine davon ist V1, die sogenannte Entscheidungsgeschwindigkeit.

Vereinfacht gesagt markiert V1 den Bereich, ab dem ein Start bei einem Triebwerksausfall nicht mehr abgebrochen, sondern fortgesetzt wird.

 

Triebwerksausfall vor V1

Fällt ein Triebwerk früh genug während des Startlaufs aus und wird die Störung vor V1 erkannt, kann die Besatzung den Start abbrechen.

Die Piloten nehmen den Schub zurück und bringen das Flugzeug mit den vorgesehenen Systemen wieder zum Stillstand. Die verbleibende Startbahnlänge reicht hier in jedem Fall aus, um das Flugzeug sicher auf der Startbahn zum Stehen zu kriegen.

Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Punkt, weil Menschen mit Flugangst sich eine solche Situation häufig viel improvisierter vorstellen, als sie tatsächlich ist.

Die Piloten sitzen halt nicht vorne und überlegen bei hoher Geschwindigkeit plötzlich: „Was machen wir jetzt?“

Für diese Situation gibt es vorher festgelegte Verfahren.

 

Triebwerksausfall nach V1

Tritt der Triebwerksausfall bei oder nach V1 auf, wird der Start fortgesetzt.

Das klingt im ersten Moment vielleicht widersinnig:

Ein Triebwerk fällt aus – und die Piloten heben trotzdem ab?

Ja.

Denn in diesem Moment ist das Fortsetzen des Starts der vorgesehene sichere Weg.

Das Flugzeug beschleunigt weiter, hebt ab und steigt mit dem verbleibenden Triebwerk.

Natürlich ist die verfügbare Leistung geringer als mit beiden Triebwerken. Das Verkehrsflugzeug muss aber für genau solche Situationen entsprechende Leistungsanforderungen erfüllen.

Nach dem Abheben besteht die erste Aufgabe der Piloten deshalb nicht darin, möglichst schnell irgendwelche Schalter zu bedienen.

Die Priorität lautet:

Fliegen. Flugweg stabilisieren. Kontrolle behalten.

Das Fahrwerk wird eingefahren, der Steigflug stabilisiert und das Flugzeug anschließend entsprechend dem vorgesehenen Verfahren weiter konfiguriert.

Erst danach werden die weiteren Schritte systematisch abgearbeitet.

 

Kann ein Flugzeug mit nur einem Triebwerk fliegen?

Ja, ein zweistrahliges Verkehrsflugzeug kann mit einem funktionierenden Triebwerk weiterfliegen.

Das heißt allerdings nicht, dass sich nichts verändert.

Mit nur einem arbeitenden Triebwerk steht weniger Schub zur Verfügung. Je nach Gewicht, Flughöhe, Temperatur und anderen Bedingungen kann deshalb beispielsweise eine niedrigere Flughöhe erforderlich oder sinnvoll sein.

Auch die weitere Flugplanung verändert sich.

Aber das Flugzeug verliert durch den Ausfall eines Triebwerks nicht plötzlich seine grundsätzliche Flugfähigkeit.

Das ist ein Punkt, der Menschen mit Flugangst oft überrascht. Denn intuitiv denkt man schnell:

Zwei Triebwerke = 100 Prozent. Ein Triebwerk fällt aus = nur noch 50 Prozent. Also müsste das Flugzeug eigentlich herunterfallen.

Aerodynamisch funktioniert ein Flugzeug aber nicht so.

Die Tragflächen erzeugen den Auftrieb. Die Triebwerke liefern den notwendigen Schub.

Solange ausreichend Geschwindigkeit und damit Luftströmung über den Tragflächen vorhanden ist, kann das Flugzeug ohne Probleme weiterfliegen.

 

Kann ein Flugzeug mit einem Triebwerk starten?

Hier müssen wir zwei Situationen auseinanderhalten.

Ein Verkehrsflugzeug wird nicht für einen normalen Linienflug losgeschickt, obwohl bereits bekannt ist, dass eines seiner erforderlichen Triebwerke ausgefallen ist.

Wenn Menschen fragen: „Kann ein Flugzeug mit einem Triebwerk starten?“, meinen sie meistens etwas anderes: Was passiert, wenn während des Startlaufs plötzlich ein Triebwerk ausfällt?

Und dann lautet die Antwort:

Ja. Tritt der Triebwerksausfall ab dem dafür maßgeblichen Entscheidungspunkt auf, ist das Flugzeug dafür ausgelegt, den Start mit dem verbleibenden Triebwerk fortzusetzen.

Genau diese Situation wird bei der Startleistung berücksichtigt.

Ein Flugzeug muss also nicht darauf hoffen, dass beide Triebwerke bis zum Abheben funktionieren.

Die Möglichkeit eines Triebwerksausfalls gehört zu den Szenarien, für die das Flugzeug und seine Besatzung vorbereitet sind.

 

Was machen die Piloten bei einem Triebwerksausfall?

Wenn ein Triebwerk ausfällt, gilt zunächst eine der wichtigsten Grundregeln im Cockpit:

Fly the airplane.

Also: Erst einmal das Flugzeug sicher fliegen.

Die Piloten stabilisieren Fluglage und Flugweg und gleichen den asymmetrischen Schub aus.

Danach wird festgestellt, was genau passiert ist.

Ein Triebwerk kann aus unterschiedlichen Gründen Leistung verlieren oder abgeschaltet werden müssen. Welche Maßnahmen folgen, hängt deshalb vom Flugzeugtyp und von der konkreten Störung ab.

Die Besatzung arbeitet die dafür vorgesehenen Verfahren und Checklisten ab.

Dazu kann – je nach Situation – gehören, das betroffene Triebwerk entsprechend dem Verfahren abzustellen und abzusichern.

Parallel wird die Flugsicherung informiert und anschließend entschieden, wie der Flug sinnvoll fortgesetzt wird.

Nach einem Triebwerksausfall geht es nicht darum, möglichst heldenhaft noch stundenlang mit einem Triebwerk zum ursprünglichen Ziel weiterzufliegen.

Es geht darum, die Situation kontrolliert und strukturiert zu beherrschen und anschließend an einem geeigneten Flughafen sicher zu landen.

 

Piloten trainieren Triebwerksausfälle regelmäßig

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Punkte für Menschen mit Flugangst:

Piloten beschäftigen sich mit einem Triebwerksausfall nicht zum ersten Mal, wenn er tatsächlich passiert.

Solche Situationen gehören zum Simulatortraining.

Gerade ein Triebwerksausfall während des Starts ist ein typisches Trainingsszenario und dafür ist ein Flugsimulator ideal. Dort lassen sich Situationen trainieren, die man in einem echten Verkehrsflugzeug selbstverständlich nicht absichtlich erzeugen möchte.

Ein Triebwerk kann beispielsweise genau in einer besonders arbeitsintensiven Phase ausfallen. Gleichzeitig müssen Flugweg, Geschwindigkeit, Funkverkehr, Checklisten und Zusammenarbeit im Cockpit stimmen.

Dabei geht es nicht einfach darum, irgendeinen Knopf auswendig zu kennen.

Trainiert werden unter anderem:

  • das sichere Weiterfliegen des Flugzeugs

  • das Erkennen der Störung

  • die Zusammenarbeit der Piloten

  • klare Kommunikation

  • die richtigen Prioritäten

  • das Abarbeiten der vorgesehenen Verfahren

  • die Entscheidung über das weitere Vorgehen

Aus Pilotensicht ist das ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen einer beängstigenden Vorstellung und einer professionell beherrschbaren Störung.

 

Was merkt ein Passagier von einem Triebwerksausfall?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten.

Ein Triebwerksausfall kann ganz unterschiedlich ablaufen.

Je nach Art der Störung könntest du beispielsweise eine Veränderung des Triebwerksgeräusches wahrnehmen. Vielleicht verändert sich der Steigflug oder die Besatzung informiert die Passagiere über eine technische Störung.

Bei bestimmten Ereignissen können auch ungewöhnliche Geräusche oder Vibrationen auftreten.

Was du allerdings nicht automatisch erwarten solltest, ist die typische Filmszene: Explosion – Panik – Flugzeug stürzt ab.

Ein Triebwerk kann aus unterschiedlichen Gründen ausfallen oder von den Piloten abgeschaltet werden, ohne dass dabei irgendetwas Spektakuläres stattfindet. Und gerade für Menschen mit Flugangst ist noch etwas wichtig:

Nicht jede Veränderung des Triebwerksgeräusches bedeutet einen Triebwerksausfall.

Nach dem Start verändert sich ohnehin die Leistung der Triebwerke.

Viele Passagiere erschrecken deshalb, weil die Triebwerke nach dem Abheben plötzlich leiser werden und gleichzeitig das Gefühl entsteht, das Flugzeug würde absacken. Doch das hat mit einem Triebwerksausfall nichts zu tun..

Warum sich dieser normale Vorgang trotzdem manchmal sehr unangenehm anfühlt, erkläre ich ausführlicher in meinem Artikel: Warum fühlt es sich an, als würde das Flugzeug nach dem Start absacken?

Wenn du Flugangst hast, ist diese Unterscheidung besonders wertvoll.

Denn dein Angstsystem kann eine völlig normale Veränderung innerhalb von Sekunden als Beweis dafür interpretieren, dass gerade etwas nicht stimmt.

 

Muss ein Flugzeug nach einem Triebwerksausfall sofort landen?

Ein Flugzeug mit einem ausgefallenen Triebwerk muss nicht innerhalb der nächsten Sekunden auf dem nächstbesten Feld landen. Es kann mit dem verbleibenden Triebwerk weiterfliegen. Trotzdem ist ein Triebwerksausfall natürlich eine ernstzunehmende technische Störung. Die Besatzung beurteilt deshalb die gesamte Situation.

Dazu gehören beispielsweise Fragen wie:

  • Was genau ist ausgefallen?

  • Gibt es weitere technische Auffälligkeiten?

  • Wie verhält sich das Flugzeug?

  • Welche Flughäfen stehen zur Verfügung?

  • Wie ist dort das Wetter?

  • Welche Landebahn eignet sich?

  • Welche Entfernung ist unter den aktuellen Bedingungen sinnvoll?

Anschließend wird ein geeigneter Flughafen gewählt. Das kann der Startflughafen sein, zu dem das Flugzeug zurückkehrt. Je nach Flugphase und Situation kann auch ein anderer Flughafen sinnvoller sein. Das Ziel lautet dabei nicht:

„Wie lange können wir jetzt noch irgendwie mit einem Triebwerk weiterfliegen?“

Sondern:

„Wie bringen wir Flugzeug und Passagiere jetzt kontrolliert und sicher an einen geeigneten Flughafen?“

 

Was bedeutet ein Triebwerksausfall wirklich für die Sicherheit?

Genau hier unterscheidet sich professionelle Flugsicherheit häufig von unserem intuitiven Sicherheitsgefühl.

Menschen mit Flugangst wünschen sich verständlicherweise oft: „Es darf auf keinen Fall etwas passieren.“ Aber absolute Fehlerfreiheit gibt es technisch nirgendwo. Die wesentlich wichtigere Frage lautet deshalb:

Was passiert, wenn etwas ausfällt?

Und bei einem einzelnen Triebwerksausfall lautet die Antwort:

Das Flugzeug bleibt kontrollierbar, kann weiterfliegen und die Piloten verfügen über trainierte Verfahren, um die Situation sicher zu beherrschen.

 

Wenn du Flugangst hast und gerade deshalb Artikel wie diesen liest, weil dein Kopf vor dem Flug immer wieder Szenarien durchspielt – „Was, wenn beim Start ein Triebwerk ausfällt?“, „Was war dieses Geräusch?“ oder „Warum werden die Triebwerke plötzlich leiser?“ – kennst du vielleicht ein frustrierendes Problem: Du kannst noch so viele Fakten kennen und trotzdem bleibt dieses ungute Gefühl.

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ÜBER MICH

Autor

Ich bin Mathias Gnida  - auf Social Media bekannt als "Flugangstcoach Mathias" - ausgebildeter Pilot und Flugangstcoach. Im Gegensatz zu den meisten "Coaches gegen Flugangst" da draußen...

  • ...bin ich seit über 15 Jahren Flugangstcoach und habe bereits tausenden Menschen aus der Flugangst und zurück ins Flugzeug geholfen

  • ...bin ich mehrfacher Fachbuchautor im Thema Flugangst, z.B. "30 Minuten gegen Flugangst", erschienen im Gabal Verlag, "Ohne Angst Fliegen", erschienen im Motorbuch Verlag oder "Was passiert beim Fliegen? 100 Fragen - 100 Antworten für Passagiere", erschienen im Motorbuch Verlag, einem Imprint der Paul Pietsch Verlage

  • ...habe ich über 30 Jahre Erfahrung in der kommerziellen Luftfahrt

  • ...bin ich bekannt aus Radio, Fernsehen oder anderen namenhaften Medien

  • ...werden meine Kurse gegen Flugangst auch international eingesetzt, in anderen Ländern und Sprachen

Aber das Wichtigste ist - Ich bin authentisch, liebe was ich tue und bin für meine Kursteilnehmer da, wenn sie mich brauchen - das hat sich rumgesprochen, weshalb meine Kurse auch so beliebt und erfolgreich sind!

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